medialex; Zeitschrift für Kommunikationsrecht. Revue de droit de la communication. Stämpfli AG, Publikationen, Medienautomation, Bern.

medialex 1/2006 vom 03.03.2006

Schutz der Unschuldsvermutung - Medien im Graubereich

Franz Riklin

Professor für Straf- und Strafprozessrecht an der Universität Freiburg

Zusammenfassung: Der Schutz der Unschuldsvermutung gegenüber Medien im Fall eines hängigen Strafverfahrens ist schwach. Im Strafrecht ist dies deshalb der Fall, weil mit einer Verurteilung in der Hauptsache nachträglich der Wahrheitsbeweis erbracht werden kann und weil es zahlreiche Konstellationen gibt, bei denen ein Vorbehalt, es läge nur ein Verdacht vor, nicht verlangt werden kann (etwa bei einem Geständnis). Im Zivilrecht ist die Stellung deshalb schwach, weil ein materieller Schaden oft nicht besteht und die Voraussetzungen für eine Genugtuung vielfach nicht gegeben sind. Am ehesten ist die Problematik auf der medienethischen Ebene regelbar. Zu überlegen ist, Vorschriften zu schaffen, die dem Betroffenen - unbeschadet weitergehender Ansprüche - einen eigenständigen Abgeltungsanspruch in der Höhe eines bestimmten Geldbetrages gewähren.

Résumé: Face aux médias, la portée de la présomption d’innocence est faible. Ainsi, en cas de condamnation pénale, la preuve de la vérité pourra aisément être apportée; de même, dans de nombreuses situations (par ex. lors d’aveux), on peut se passer purement et simplement de la réserve qu’il ne s’agit que de soupçons. La présomption n’est guère plus efficace en droit civil, faute souvent de dommages matériels. En outre, les conditions exigées pour une compensation sont dans bien des cas loin d’être remplies. Une solution pourrait être trouvée sur des normes éthiques qui régissent les médias. On pourrait imaginer que la victime se voit accorder- sans préjudice d’autres prétentions – une indemnité pécuniaire forfaitaire.

I. Einleitung

Hauptverantwortlich dafür, dass das Problembewusstsein für Verletzungen der Unschuldsvermutung geweckt wurde, ist Art. 6 Abs. 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Er statuiert den Grundsatz der Unschuldsvermutung. In der Schweiz hat er in der neuen Bundesverfassung vom 18.4.1999 in Art. 32 Abs. 1 Eingang in das nationale Verfassungsrecht gefunden.